Wie alles begann: Unser erster Besuch im Bwaise-Slum in Uganda
- Michaela Gabrielides

- 19. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Feb.
Von unserer Reise 2024 nach Uganda und unserer ersten Begegnung mit Salim Semanbo, dem Leiter eines Weisenhauses im Bwaise Slum von Kampala...
Uganda: Ein Land zwischen atemberaubender Schönheit und bitterer Armut
Im Sommer 2024 flogen mein Mann Gabriel und ich (Michaela Gabrielides) für fünf Wochen nach Uganda. Mit Rucksack, Isomatte, Schlafsack und Zelt bewaffnet, mieteten wir uns ein Auto, um Land und Leute auf eigene Faust kennenzulernen. Wir entdeckten wunderschöne, abwechslungsreiche Landschaften und atemberaubende Tiere in ihrer natürlichen Umgebung. Wer uns aber am meisten in den Bann zog, waren die unglaublich freundlichen und offenen Menschen. Sie machten es uns leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, und waren unwahrscheinlich hilfsbereit.
Die bittere Realität hinter der Fassade
In unseren Gesprächen erfuhren wir jedoch schnell von der harten Realität, die den Alltag beherrscht. Da Bildung fast immer an teures Schulgeld gekoppelt ist, bleibt sie für viele Kinder ein unerreichbarer Traum. Wir trafen junge Frauen, die oft allein sieben bis zehn Kinder versorgen müssen – ein täglicher Kraftakt, der trotz der Mitarbeit der Kinder oft nicht gelingt.


Kinder beim Wasser holen
Die extreme Armut begegnete uns überall: Wir sahen Kinder, die schwere Wasserkanister über Kilometer schleppen, und Dörfer, in denen Trinkwasser aus Seen geschöpft wird, in denen gleichzeitig Vieh steht und Wäsche gewaschen wird. Besonders erschütternd war der Moment, als wir Menschen beobachteten, die ihr Wasser direkt aus einer Straßenpfütze holten. Auch die Wohnbedingungen sind prekär: Oft teilen sich bis zu zehn Personen eine winzige Hütte.
Am schmerzhaftesten war jedoch der allgegenwärtige Hunger. Ein Erlebnis im Norden werde ich nie vergessen: Ein alter Mann weinte vor Freude und sprang in die Luft, als wir ihm umgerechnet nur 2,50 € für Essen gaben. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel aufrichtige Not gesehen.

Ein typisches Dorf im Norden von Uganda

Im Inneren der Hütte: eine landesübliche Küche
Vom Beobachter zum Akteur
Diese Erlebnisse machten mich sehr nachdenklich und beschämt. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass es mir nicht reicht, dieses wundervolle Land mit seinen Menschen und Tieren nur kennenzulernen und danach einfach in meinen normalen Alltag zurückzukehren. Aus dieser tiefen Betroffenheit entwickelte sich im Laufe der Reise das dringende Bedürfnis, den Menschen etwas zurückzugeben.
Hoffnung im Elend: Wie wir Salims Projekt im Bwaise-Slum in Kampala kennenlernten
Bei den Vorbereitungen unserer Reise nach Uganda erfuhren wir, dass es in Kampala die Möglichkeit gibt, geführte Touren durch den Bwaise-Slum zu machen. Nach unseren ersten Eindrücken von Uganda hatten wir großes Interesse daran, die Realität vor Ort kennenzulernen. Gleichzeitig hatten wir anfangs jedoch Skrupel, als ‚reiche‘ Touristen das Elend der Armen zu ‚besichtigen‘. Doch dieses Bauchgrummeln legte sich schnell, als wir unseren Guide Salim kennenlernten. Mit ihm zusammen wurden wir überall freudig begrüßt und sogar in das eine oder andere Haus eingeladen, denn die meisten Menschen haben sich ehrlich darüber gefreut, dass es Personen außerhalb Ugandas gibt, die sich für ihr Leben interessieren.
Salims Kampf gegen die Perspektivlosigkeit
Salim ist in diesem Stadtteil selbst unter schwierigsten Bedingungen aufgewachsen und lebt nach wie vor hier. Dass er heute ein Kinderheim leitet, verdankt er einem Nachbarn, der sich damals um ihn kümmerte und ihn zur Schule schickte. Diese Erfahrung wurde zu seinem Antrieb: Heute setzt er sich für obdachlose Kinder und Waisen ein, um ihnen mit Bildung eine echte Chance auf ein Leben außerhalb der Armut zu schenken.

Salim und Imran beim Weihnachtsessen
Bereits 2005 gründete er mit ehrenamtlichen Helfern ein Heim für Waisenkinder und obdachlose Kinder, um ihnen ein Zuhause, Nahrung und Bildung zu ermöglichen. Finanziert wurde das Projekt lange Zeit durch Spenden und Slumtouren für Touristen. Zwischen 2016 und 2021 konnte Salim das Heim sogar maßgeblich durch sein Gehalt als Stadtrat unterstützen. Doch seit dem Ende seiner Amtszeit und dem Wegbrechen der Slumtouren durch die Corona-Pandemie ist der Unterhalt des Heims zu einer täglichen, verzweifelten Herausforderung geworden.
Die harte Realität: Überleben zwischen Unrat und Fluten
Unsere Tour durch Bwaise führte uns die bittere Not vor Augen. Die sanitäre Lage ist katastrophal: Um an das saubere Trinkwasser aus den von Coca-Cola gesponserten Brunnen zu kommen, müssen die Bewohner Schlüssel kaufen. Wer das Geld nicht hat, kann sein Trinkwasser nur aus offenen Wasserquellen am Straßenrand abschöpfen. Zweimal im Jahr wird die Situation durch die Regenzeit verschärft, wenn der Fluss über die Ufer tritt und der gesamte Slum samt der Häuser unter Wasser steht.

Wasserloch im Slum: Wer nicht zahlen kann, muss hier sein Wasser holen
Auch die medizinische Versorgung ist für die Bewohner unbezahlbar. Während HIV-Medikamente kostenlos sind, müssen alle anderen Mittel teuer bezahlt werden. Die Folge ist eine erschreckend hohe Sterblichkeit an eigentlich gut behandelbaren Krankheiten wie Malaria, Typhus oder Ruhr. Besonders bedrückend war Salims Schilderung über junge Mädchen, die sich aus purer Not für eine Handvoll Reis prostituieren, um ihre Kinder zu ernähren.
Ein Zufluchtsort ohne Mittel
Nachdem wir zwei Schulen besuchten und unendlich viele Fragen der Kinder beantwortet haben, zeigte uns Salim die Räume des Waisenhauses. Hier leben 25 Kinder und Jugendliche, die sonst niemanden haben, der sich um sie kümmern kann. Teilweise sind sie Waisenkinder und haben keine Angehörigen, die sie versorgen, teilweise wurden sie von ihren Angehörigen zurückgelassen, weil sie nicht mehr in der Lage waren, sich um sie zu kümmern. Hätte Salim sie nicht aufgenommen, wären sie komplett auf sich selbst gestellt und obdachlos.

Wir sitzen mit den Kindern vor dem Waisenhaus

Zustand der Unterkünfte zum Zeitpunkt unseres Besuchs Zu diesem Zeitpunkt ging kein einziges Kind aus dem Waisenhaus zur Schule oder war in einer Ausbildung, da es an Förderern fehlte. Allein die regelmäßige Beschaffung der Miete war eine monatliche Kraftanstrengung und die Versorgung der Kinder mit einer täglichen kleinen Mahlzeit eine Challenge, die nicht immer erfolgreich war. So gab es auch etliche Tage, an denen die Kinder trotz unermüdlicher Bemühungen der Verantwortlichen hungrig ins Bett mussten, um zu hoffen, dass es am nächsten Tag Geld für Lebensmittel gab. Salim war sehr verzweifelt über die momentane Situation und bat uns, Werbung für seine Slumtouren zu machen oder jede andere Art von Unterstützung. Sie brauchten alles.
Warum wir nicht wegsehen können
Beim Ende der Tour beschlossen Salim und ich in Kontakt zu bleiben und tauschten unsere Kontaktdaten aus. Die Eindrücke dieses Tages nahmen wir mit nach Hause und ließen mich nicht mehr los. Die Vorstellung, dass Kinder in solch hoffnungsloser Umgebung aufwachsen müssen und keine Chancen haben, ihren vorgezeichneten Lebensweg in extremer Armut, Kriminalität, Drogensucht und Prostitution zu verlassen, hat sich tief in mir festgesetzt. Dabei gibt es genau dort eine Gruppe von Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, den Kindern Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben zu geben. Leider haben sie aus eigener Kraft nicht die Möglichkeiten, dies zu erreichen. Ohne Hilfe von außen werden viele dieser Kinder das Erwachsenenalter nicht erreichen. Diese Vorstellung ist für mich unerträglich.





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